Pothole Rodeo Revolution 2021 – Teil 1

Knapp die Hälfte des Pothole Rodeo Revolution ist um. Zeit für ein Zwischenfazit:

Auch wenn wir im Vorfeld keine bestimmte Erwartungen an die Rallye hatten, das war es sicher nicht, was wir uns vorgestellt haben. Bisher ist diese Tour eine der intensivsten und anstrengendsten Erfahrungen unseres Lebens. Erholungsurlaub ist etwas anders.

Tag 1: Um 8 Uhr morgens starten wir mit 300 anderen Verrückten von einem Feld in der Nähe von Brno. Unser Ziel: Das Tatra-Gebirge in der Slowakei. Die ersten knapp 200km liefen hervorragend. Dann der faktische Genickbruch. Eine Bodenwelle zu viel und unser Domlager bricht. Der eigentliche Schaden ist definitiv durch den Vorbesitzer entstanden. Wir bleiben in einem kleinen slowakischen Dorf am Fuße des Gebirges liegen. Kurzzeitig sieht es so aus, als sei die Rallye für uns bereits an diesem Punkt zu Ende. Doch wir geben nicht auf und machen uns auf die Suche nach einer Werkstatt, die uns helfen kann. Nach langem Suchen finden wir Josef, dessen Werkstatt auf Off-Road-Fahrzeuge spezialisiert ist. Josef hat genau die pragmatische Mischung aus Kompetenz und Wahnsinn, die wir gesucht haben und ist bereit uns zu helfen. An diesem Tag geht es aber nicht mehr weiter. Wir verabreden uns mit Josef für den nächsten Morgen und kommen in einer kleinen Pension unter.

Tag 2: Um 6 Uhr Morgens treffen wir Josef in seiner Werkstatt. Um 11 Uhr hat dieser gefühlt zwei Tonnen Stahl auf das zurückgebogene Domlager geschweißt um die Feder zu stabilisieren. Auch die andere Seite hat gleich ein Upgrade bekommen. Die Domlager sind nun stabiler als vorher. Für diesen Spaß will Josef 80 Euro von uns. Wir drücken ihm 120 in die Hand, was ihm merklich unangenehm ist und machen uns auf den Weg. Wir müssen schließlich einen Tag aufholen. Ziel ist ein kleiner Campingplatz mitten in den ukrainischen Karpaten.

Wir lassen alle Zwischenstopps an diesem Tag beiseite. Es geht ums Strecke machen. Ein bisschen haben wir Angst vor der Einreise in die Ukraine. Andere Teams berichten von Wartezeiten an der Grenze von zwei bis zu acht Stunden. Doch es geht alles gut. Nach 40 Minuten sind wir durch.

Doch die Strecke an diesem Tag ist durch das Problem am Tag zuvor zu weit. Wir kampieren daher knapp 40 Kilometer vor dem Ckeckpoint in einem Feldweg.

Tag 3: Nach vier Stunden Schlaf geht es am „nächsten Morgen“ weiter. Den Checkpoint erreichen wir rechtzeitig vor dem morgendlichen Start, endlich wieder andere Teams sehen, es gibt viel zu Berichten. Geschichten über Pannen und Erlebnisse werden ausgetauscht. Weiter gehts.

An diesem Tag wollen wir nach Tiraspol, der Hauptstadt von Transnistrien. Transnistrien ist ein international nicht anerkannter Staat, der völkerrechtlich auf dem Boden Moldawiens liegt.

Die Fahrt am Vormittag durch die Karpaten ist großartig. Neben einer schönen Landschaft bietet die Region freilaufende Kühe, jede Menge Pferdefuhrwerke und Straßenhunde. Dafür sind die Straßenverhältnisse absolut top.

Gegen Mittag geht es dann über das zersiedelte Flachland in Richtung moldawischer Grenze. Zum ersten Mal wird das Pothole Rodeo seinem Namen gerecht. Die Straßenverhältnisse sind mehr als anspruchsvoll.

An der Grenze zu Moldawien dann der Supergau. Die ukrainischen Grenzer sind auf einen solchen Ansturm nicht vorbereitet, daher lassen sie nur fünf Fahrzeuge alle halbe Stunde zur Abfertigung vor. Das dauert. Dann passiert das Unglück: Ein heranziehendes Gewitter verursacht einen Stromausfall in der Grenzanlage. Die Grenze ist erst mal dicht. Wir nutzen die Zwangspause und flicken mit Kabelbinder und Panzertape einige kleinere Dinge am Auto. Nach fünf quälenden Stunden ist es dann endlich geschafft und wir reisen nach Moldawien ein. Mittlerweile ist es Abend.

Wir fahren in die Nacht. Auf dem Weg zu einer alten und verlassenen sowjetischen Zweitschlags-Nuklearbasis bleibt ein befreundetes Team stecken und bittet uns, es herauszuziehen. Wir machen uns auf den Weg für den Rettungseinsatz, biegen jedoch falsch ab und landen ebenfalls im Matsch. Am Ende brauchen wir selbst technische Unterstützung um das Fahrwerk vom Dreck zu befreien.

Weiter gehts. Die Grenzer in an der Grenze zu Transnistrien nehmen ihren Job ernst.

Zwar zieht uns einer der Grenzer zu Beginn des Prozedere drei Schachteln Zigaretten ab, nur um anschließend dann zu betonen, dass er ja unbestechlich sei. Die Einreise verläuft unkompliziert. Warum es aber pro Fahrzeug 30 Minuten braucht, um eine Vignette zu kaufen, erschließt sich nicht. Da wir in einer kleinen Kolonne unterwegs sind, kostet uns das diese Aktion insgesamt auch knapp 2 Stunden.

Um vier Uhr morgens kommen wir schließlich in unserem Hotel in Tiraspol an. Nach knapp 24 Stunden auf den Beinen.

Tag 4: Off Day! Wir schlafen länger als sonst, fahren die knapp 100 Kilometer nach Odessa und wollen uns an den Strand legen. Die Wiedereinreise in die Ukraine schaffen wir in Rekordzeit. Nachmittags geht es an Strand. Die „Perle am Schwarzen Meer“ entpuppt sich erst mal als Goldstrandverschnitt mit billigem Alkohol und aggressiver Dance Musik, die aus jeder Strandbar dröhnt.

Nach einigem Suchen finden wir dann doch einen Strandabschnitt, der weniger frequentiert und ruhiger ist und vor allem von den Einheimischen genutzt wird. rein geht es in das kühle Nass. Nun fühlt es sich doch etwas nach Urlaub an.

Tag 5: Wir schlafen lange, fast schon zu lange. Es soll gemütlich bis nach Kiew gehen. Einen Zwischenstopp machen wir in einer ehemaligen sowjetischen Zweitschlags-Nuklear-Rakten-Basis, die heute als Museum dient. Hier wird deutlich: Die Museumspädagogik in der Ukraine unterscheidet sich deutlich von der in Deutschland. Hier dürfen wir vieles anfassen, auf Fahr- und Flugzeugen herumklettern und allerhand Knöpfe drücken. Sogar die Simulation eines „Ernstfalls“ im originalen Nuklearwaffen-Kontrollraum steht auf dem Programm. Es ist ein beklemmendes Gefühl, 50 Meter unter der Erde zu sitzen, und in Sekunden stumpf Nuklearcodes in eine Tastatur zu tippen, die unter lauten Alarmsirenen auf einem Bildschirm erscheinen, während man Kommandos entgegengebrüllt bekommt. Der Akt der Massenvernichtung wird dadurch deutlich entfremdet.

In Kiew suchen wir in völliger Dunkelheit einen Lost Place: Ein altes Stadion, welches wir erkunden.

Auf dem Rückweg dann die nächste größere Panne. Unser Kühlerschlauch ist nun völlig durchlöchert und wird nun nur noch von Panzertape zusammengehalten. Bis zum nächsten Checkpoint muss er jedoch halten.

Heute geht es in das Sperrgebiet von Tschernobyl. Wie es danach weiter geht? Keine Ahnung. Eines ist jedoch sicher: Von einfach war nie die Rede!


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